Reise

Die Morgenlandfahrt

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14.01.2013

Ein junger Mann, ein Rad mit roten Taschen und ein phantastischer Kontinent: Sixtus Reimanns Selbstfindungstrip führte nach Indien und in den Himalaya. Wohin auch sonst?

London-Heathrow, etwa elf Uhr abends. Es ist stockfinster, neblig, trüb. Selbst im Gang zum Flieger ist die Luft feucht, das Licht so dämmrig wie auf allen Flughäfen dieser Welt. Müde und vor Erwartung angespannt taste ich mich mit den anderen Passagieren der Economy Class zum Flieger. Mein erster Nachtflug, mein erster Interkontinentalflug, meine erste Reise ohne Rückflugticket, meine erste Tour in ein vollkommen fremdes Land: Indien. Aus der Dunkelheit der britischen Novembernacht taucht eine indische Stewardess auf, wie eine betörend schöne Erscheinung steht sie im hellen Licht des Eingangs zur Boeing 747, ihr orangefarbener Sari und ihre strahlend lächelnden, dunkelrot geschminkten Lippen sind aus einer anderen Welt. Und mit einem Mal ist der Gedanke, in ein paar Stunden in Indien zu sein, erschreckend real.

Oder? So ganz glauben kann ich es immer noch nicht, dass ich, Anfang 20, Abitur, Zivildienst, wirklich für zwei Jahre allein durch Asien radeln will. Ganz besonders, weil meine bisherigen Solo-Touren ziemlich im Sande verliefen, um es einmal vorsichtig auszudrücken. Die gerade beendete, verkorkste und noch längst nicht bewältigte erste Beziehung macht es nicht leichter. Was will ich eigentlich in Indien, im Himalaya, in Asien?

„Ruhe und Frieden“, habe ich geantwortet, als mir ein Freund ein paar Tage vor der Abreise diese Frage gestellt hat. „Zu mir selber finden“ wäre passender gewesen, hätte aber zu pathetisch geklungen. Vielleicht muss ich das auch gar nicht undbedingt in Worte fassen: Der Wunsch, für längere Zeit allein durch Asien zu reisen, ist seit ein paar Jahren einfach da. Also lange genug, um konsequent an seiner Realisierung zu arbeiten und nicht kurz vor der Abreise zu kneifen.

Was natürlich nicht heißt, dass ich nicht noch einmal ganz ordentlich kalte Füße bekommen habe, als die Abreise immer näher rückte. Ersatzteile und Ausrüstung kaufen, Visum beantragen, Flugschein vom Reisebüro abholen. Funktioniert im Prinzip nicht anders als bei einem kurzen Urlaubmit dem Unterschied, dass diesmal im Falle eines Misserfolges (also einer abgebrochenen Reise) kein Sicherheitsnetz in Gestalt eines organisierten Alltages auf mich wartet. Ich habe den vagen Plan, nach meiner Rückkehr Fotografie zu studieren, das war‘s dann aber auch. Man könnte sagen, ich bin zum (Reise-)Erfolg verdammt. Ob es eine gute Idee war, mich selbst so auszutricksen? Weiß ich nicht, aber ich habe wenig Lust, mich ein Leben lang zu fragen, wie es wohl geworden wäre, wenn ich damals gefahren wäre.

Mitten in der Nacht wache ich auf. Das sagt zumindest meine innere Uhr. Der Blick aus dem Fenster sagt etwas anderes, über dem Morgenland ist schon helllichter Tag. Noch gut eine Stunde, Frühstück über den Wolken, dann landen wir in der Hauptstadt des Landes meiner Träume. Ob ich in gut zwei Jahren wieder hier in den Flieger steigen werde, mit einem Kopf voller Erlebnisse, zerkratzten Packtaschen und verschlissenen Reifen? Oder schon in zwei Wochen, frustriert, zerschlagen und gescheitert?
Allzu viel Zeit, mir den Kopf zu zerbrechen, bleibt erst einmal nicht, dafür kommt die erste Gelegenheit, mir die Packtaschen zu zerkratzen, schneller, als mir lieb ist: Der Verkehr in indischen Großstädten ist mit infernalisch noch sehr zurückhaltend beschrieben. Alles hupt, fährt Schlangenlinien um Schlaglöcher, wuselt durcheinander und umeinander herum, es gilt gnadenlos das Recht des Stärkeren. Als Radler bin ich ziemlich weit unten in der Hirarchie, muss mich höllisch konzentrieren, um nicht gleich im nächsten Krankenhaus zu landen. Und bin doch wie berauscht von dem Land, seiner Lebensfreude, seinen Farben, seiner samtigen, schweren Luft, seinem faszinierenden Chaos, das offenbar einer einzigen Regel zu folgen scheint: Am Ende fügt sich alles.

Ich hatte vor, eine Woche in Neu Delhi zu bleiben, um erst einmal in Ruhe anzukommen, aber eine unsichtbare Kraft zieht mich aus der Stadt, auf das Land, auf die Straße, in den Sattel. Raja-sthan, der Wüstenstaat. Exotisch, bunt, phantastische Architektur. Das ideale Indien zum Kennenlernen. Aber die Strecken zwischen den großen Zielen, zwischen den Dünen der Wüste Thar, der Sonnenstadt Jodhpur, dem Palast der Winde in Jaipur und dem unvergleichlich schönen Taj Mahal, sind lang und monoton, erfordern Ausdauer, Zähigkeit

Ein frisch gepresster Orangensaft am Straßenstand wirkt wie eine Handgranate in der Magengrube. Der Schmerz zieht sich durch den Unterbauch, ich schaffe es gerade noch auf die Toilette, bevor er den Darm erreicht. Nach einer schlaflosen Nacht ist klar, dass hier nichts zu wollen ist, eine Motorrikscha bringt mich ins Krankenhaus. Der Arzt fühlt den Puls, stellt ein paar Fragen, sieht mich beruhigend an – „Amöbenruhr, das diagnostiziere ich ein paar Dutzend Mal pro Tag. Nicht weiter schlimm, fünf Tage Antibiotika, wenn das Fieber weg ist, kann die Tour weitergehen“, sagt er. Ich schlucke die ersten Tabletten und schlafe wie ein Stein, deprimiert, nach so kurzer Zeit gesundheitlich schon so aus der Bahn geworfen zu sein. Aber auch zum ersten Mal ganz sicher, dass ich es schaffen werde.

Ein paar Wochen später sitze ich fest im Sattel, liebe kaum etwas mehr, als im vierten Gang mit knapp 20 km/h durch Rajasthans Weiten zu rollen, zu sehen, wie mein Schatten auf dem Asphalt jeden Tag kürzer wird und wieder länger, wie der Mond abnimmt und wieder zu, wie die Sonne später aufgeht, je weiter ich nach Westen komme, wie die Tage im Winter kürzer werden und im Frühjahr wieder länger. Ich sehe in die Gesichter der Menschen auf den Feldern, der Kinder auf dem Weg zur Schule, halte am Straßenrand auf einen Tee und ein paar Linsen, sehe die Ochsenkarren, die Fahrradrikschas und die orangefarbenen Tata-Trucks, die Könige der Landstraße, vorbeidonnern. An einer Raststätte zwischen Lahore und Islamabad sagt der Kellner, nachdem er ausgiebig mein Rad inspiziert und sich nach dem Woher und Wohin erkundigt hat „All you need for your life you have got on your bicycle – alles, was du zum Leben brauchst, hast du auf deinem Fahrrad.“ Besser kann man das, was ich unter Freiheit verstehe, nicht in Worte fassen.

Ein paar Tage später beginnt eine lebenslange Liebesgeschichte – zwischen mir und den Bergen im Herzen Asiens. Aber leicht macht es mir das Karakorum nicht, seine schroffen Gipfel zu lieben: Mit dem Frühling kommt der Regen. Es ist kalt, Einsamkeit und Zweifel fressen sich in meinen Magen, dazu kommt die ewig gleiche Diät aus Dhal (gekochten Linsen) und Chappati (Fladenbrot). War es eine gute Idee, so früh im Jahr den Karakoram Highway unter die Reifen zu nehmen, jenes legendäre Schotterband, das Pakistan mit China verbindet und bei Langstreckenradlern aus aller Welt einen geradezu mystischen Ruf genießt? Es regnet fast täglich, Bergrutsche versperren die Straße. Ich wuchte Rad und Gepäck auf die andere Seite und rolle ungerührt weiter. Oft helfen mir Einheimische, freundliche Menschen in weiten Gewändern, die mit ballettartiger Leichtigkeit Fahrrad und Packtaschen über das lose Geröll balancieren, während ich verschwitzt, durchnässt und unbeholfen hinterher stolpere. Je weiter ich an Höhe gewinne, desto tiefer schweben die Wolken, hängen bis auf die Straße, verschlucken mich, alle Farbe scheint aus der Welt gewichen. 300 Meter unter mir rauscht der Indus auf seinem Weg von Tibet ins Arabische Meer, stundenlang sehe ich kein Auto. Woher sollte es auch kommen?

Und dann passiert es, das Unfassbare, nicht mehr für möglich Gehaltene, kaum Glaubliche und immer wieder Faszinierende: Nach einer endlos scheinenden Zeit voller Regen und grauer Wolkenwatte reißt der Himmel auf, die Wolken wehen einfach weg; erst schimmern zaghaft kleine Flecken leuchtenden Blaus hoch über mir, dann bricht die Sonne durch und taucht die kahlen Berge um mich herum in magisches, brennendes, phantastisch intensives Licht. Lange währt der Zauber nicht, ein paar Wimpernschläge später haben mich die Wolken wieder verschluckt – aber allein dieser Moment war es wert, im Frühling durch das Karakorum zu fahren. Noch etwa 500 Kilometer sind es bis zum Khunjerab Pass, der die Grenze mit China und somit meinen Wendepunkt markiert – und jeder einzelne Meter wird phantastisch. Vielleicht auch deshalb, weil noch so viel vor mir liegt.

Fortsetzung folgt und zwar schon in unserer kommenden Ausgabe von aktiv Radfahren (3/2013), die ab 22. Februar im Handel erhältlich ist.

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Text und Bilder: Sixtus Reimann

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