Test & Technik

Winterradeln: Neun Spikereifen im Test

Wunderschön, aber auch gefährlich, diese winterliche Straße (Foto: Ralf Bohle)
Wunderschön, aber auch gefährlich, diese winterliche Straße (Foto: Ralf Bohle)

Iceway to Hell!

Im Winter vermiesen dem Radfahrer schlechte Straßenbedingungen oft die Ausfahrt. Lohnt sich der Umstieg auf Spikereifen? aktiv Radfahren hat eine Bestandsaufnahme von neun aktuellen Spikereifen gemacht.

Ich fahre mit dem Rad in die Arbeit. Frühmorgens sind die Fahrradwege natürlich nicht geräumt, also weiche ich auf die Straße aus und werde prompt von einigen Autos geschnitten. Nachdem ich mich wieder auf den Radweg bemüht habe, kämpfe ich mich durch eine leichte Schneedecke, bevor ich mich in der nächsten Kurve wegen einer unter der Schneedecke befindlichen Eisschicht prompt auf die Nase lege. Eines steht daher fest: Für die kommenden Monate bin ich diesmal mit Spikereifen gewappnet.

Legal spiken

Das Schöne daran: In Deutschland dürfen Radfahrer legal mit Spikes fahren. Andere Verkehrsteilnehmer nicht. Andererseits ziehen diese aber bei Temperaturen unter sieben Grad oder im Zeitraum von Oktober bis Ostern die Winterpellen auf, um sicher unterwegs zu sein. Dabei bringen Spikereifen am Fahrrad zwei Vorteile mit: Die Gummimischung ist wie beim Auto etwas weicher und generiert auch auf kalten Böden eine hohe Traktion. Die eingebetteten Spikes greifen vor allem bei Eis gnadenlos zu.

Wer jetzt denkt, die kleinen Studs verschleißen schnell, irrt: Hochwertige Modelle sind aus Wolframcarbid-Stahl und überstehen selbst mehrere Jahre recht unbeschadet. Allerdings liegt der Teufel im Detail: Die Reifen sollten unbedingt auf ebenem, sauberem Untergrund und am besten im Sommer oder Herbst auf mindestens 50 Kilometern eingefahren werden. Dabei sollte auf abrupte Lenk- und Bremsmanöver verzichtet werden, damit sich die Spikes im Gummi setzen können. Und falls doch der ein oder andere Spike verloren geht, gibt es über den Hersteller kostengünstigen Ersatz.

Der Test im Kurzcheck

Die Pannensicherheit mit den Punkten Durchschlagschutz und Durchstichschutz gegen spitze (Nägel, Dornen) und flache (Scherben, Steine) Fremdkörper haben wir auf dem Prüfstand gemessen. Die Werte für Montage, Traktion, Selbstreinigung und Rollwiderstand haben wir in der Praxis untersucht.  Im Gesamten entstanden sechs Kriterien die wie folgt gewichtet wurden: Traktion 35, Sicherheit 20, Selbstreinigung und Rollwiderstand je 15, Gewicht 10 und Montage 5 Prozent.  

Spikereifen-Fazit

Bei den großvolumigen Spikereifen liegen die Ergebnisse sehr nah beieinander. Schwalbe kann sich absetzen und ist für 29er die erste Wahl. Wer sportlich und viel mit dem MTB nicht nur auf Eis unterwegs ist, sollte sich den 45 North ansehen. Preislich setzt der Kenda ein Ausrufezeichen.

Bei den schlanken Trekking- und Crossmodellen setzen sich zwei Reifen ab: Für den Alltagseinsatz am Trekkingrad geht am Schwalbe Marathon Winter kein Weg vorbei. Wer viel in wechselndem Gelände unterwegs ist, fährt auf Suomi Winter W240. Er bietet die beste Traktion und Selbstreinigung und ist der Testsieger bei den schlanken Spikereifen.

Foto: Surly

Die Testurteile im Detail

Trekkingreifen
Kenda Klondike:

Mit 46,90 Euro ist der Klondike der günstigste Spikereifen im Test. Die Montage geht leicht von der Hand. Überraschend ist die hohe Sicherheit trotz des niedrigsten Gewichts von nur 798 Gramm. Dank engem Profil rollt er recht leise, besitzt gefühlt aber einen hohen Rollwiderstand. Das Profil setzt sich schnell zu.

Nice Trak Snow 100:

Der günstige NiceTrac bietet geringes Gewicht (816 Gramm), leichte Montage und ein recht leises Abrollgeräusch. Die Pannensicherheit ist OK, kann mit der Konkurrenz aber nicht mithalten. Durch das engere Profil lässt er bei Traktion und Selbstreinigung ein paar Punkte liegen, er eignet sich am besten für die Stadt. Preis: 54,90 Euro.

Schwalbe Marathon Winter:

Das markante V-Profil prägt die Optik des Marathon Winter. Zusammen mit den 240 Spikes bietet er tolle Traktion und eine vertretbare Selbstreinigung. Bei der Pannensicherheit kann er überzeugen, ebenso bei Montage und Gewicht von 910 Gramm. Gemessen am Preis (54,90 Euro) unser Preis-Leistungstipp für die Stadt.

Specialized Icebreaker Reflect:

Der Icebreaker ist der teuerste (89,90 Euro), schwerste (957 Gramm) Trekkingreifen mit den meisten Spikes. Die Traktion auf Eis ist Spitzenklasse, auf schlechten Winterstraßen top. Das enge Profil setzt sich allerdings schnell zu. Beim Rollwiderstand und bei der Sicherheit lässt er etwas federn – das kostet wertvolle Punkte.

Suomi Winter W240:

Beim Winter W240 spürt man die Erfahrung aus Finnland. Das offene Profil mit 240 Spikes bietet Traktion satt und besitzt eine gute Selbstreinigung. Auch bei der Sicherheit kann er punkten. Einzig der Rollwiderstand ist gefühlt recht hoch. Für Cross- und Trekkingräder unser Winter-Testsieger. Preis: 69,90 Euro

29er-Reifen
45 North Nicotine:

Mit dem Nicotine bringen die Winterspezialisten den leichtesten 29er Winterreifen. Das offene Profil sorgt mit den 222 Spikes für beste Traktion bei guter Selbstreinigung. Der Rollwiderstand ist der geringste im Test. Die Schwachstelle ist der Pannenschutz - hier dürfte er zulegen. Der Preis von 149 Euro ist heftig.

Kenda Klondike:

Wer den Klondike montiert, dem fällt der straffe Sitz und das hohe Gewicht von 1482 g auf. Das offene Profil samt 400 Spikes sorgt für besten Grip und tolle Selbstreinigung. Die Sicherheit ist Spitze. Negativ fällt nur der hohe Rollwiderstand auf. Mit Blick auf die Testwerte unser Preis-Leistungstipp (59,90 Euro).

Schwalbe IceSpiker Pro:

Gemessen am Volumen und den 402 Spikes fällt das Gewicht des Schwalbe (914 g) sehr gering aus. Der Rollwiderstand ist mit der geringste im Test. Traktion und Selbstreinigung überzeugen, die Sicherheit ist gut. Bleibt am Ende nur der hohe Preis von 97,90 Euro. Dank starker Vorstellung unser Testsieger bei den 29ern.

Suomi Gazza Extreme:

Der Gazza Extreme ist einer der dienstältesten Spikereifen, der seine Erfahrung bei Traktion, Selbstreinigung und Pannensicherheit ausspielt. Der Rollwiderstand geht in Ordnung, das Gewicht ist mit 1265 g allerdings recht hoch. Der Preis (99 Euro) ist zwar hoch, aber gerechtfertigt, zumal er in Finnland gefertigt wird.

Kontakte:

Autor: Sebastian Böhm, Test- und Technikleiter aktiv Radfahren

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